The Village. Tanznachtberlin 2010: Vom 2. bis 5. Dezember 2010

Präsentationen:
Donnerstag, 2. Dezember,  20 – 2 Uhr ABEND
Freitag, 3. Dezember, 8 – 14 Uhr VORMITTAG
Samstag, 4. Dezember, 2 – 8 Uhr NACHT
Sonntag, 5. Dezember, 14 – 20 Uhr NACHMITTAG
Seit 12 Jahren zeigt die Tanznacht Berlin aktuelle Choreografien ‚Made in Berlin’. In diesem Jahr arbeiten seit 1. November 29 Berliner TanzkünstlerInnen in den Uferstudios – Tag und Nacht. Nach etwa der Hälfte ihres gemeinsamen Arbeitsprozesses haben die Dorfbewohner für die Präsentation bei der Tanznacht Berlin nun eine besondere Zeitstruktur ausgemacht, die ihren Arbeits- und Aufenthaltsrhythmus aufnimmt: Vom 2.–5. Dezember öffnet THE VILLAGE an jeweils 6 Stunden zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten seine Tore und teilt das fünfwöchige Arbeitserlebnis mit seinen Gästen. Über insgesamt 24 Stunden – morgens, mittags, nachts und abends – gibt das Choreografendorf einen exemplarischen Einblick in sein keineswegs alltägliches Schaffen. Übernachtung inklusive. Welcome to THE VILLAGE!
In diesen Zeiten spiegelt sich ein umfassender Arbeitstag mit seinen Tages- und Nachtphasen: Training und Körperpraxis, Improvisation und Choreografie, Reflektion und Diskussion, Methoden und Performance, Körperarchiv und Zeitgenossenschaft, Chor und Solo, Kreation und Weitergabe, Arbeit und Camp, Blaue Stunde und Dämmerung, Kunst und Leben. Die unterschiedlichen Öffnungszeiten kommen zugleich verschiedenen Zuschauertypen entgegen: dem klassischen Publikum, den Freunden der Matinée, den Nachtschwärmern oder den Sonntagnachmittagsausflüglern. Sie und alle anderen haben Gelegenheit, das Dorf in seiner Vielfalt ausführlich kennenzulernen. Vier Tage lang!

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Das Konzept von The Village. Tanznacht Berlin 2010 stellt keinen durchorganisierten Apparat zur Verfügung, sondern verlangt dessen ständige Erarbeitung, Durchdringung, worin die angestammten sozialen Arbeits- und Denkweisen neu bedacht werden müssen. Der Appell an die Eigenverantwortung bei garantierter Mindestabsicherung: führt dies zu einem anderen Arbeiten, zu fokussierter künstlerischer Produktion? Gleichzeitig handelt es sich bei dieser sozialen und organisatorischen Umordnung von ästhetischen Prozessen nicht lediglich um ein Experiment, dessen Ausgang ohne Konsequenz bliebe; dazu ist die Öffnung für das Publikum zu wichtig und zu zentral. Vielmehr wäre diese Konstellation auch ein Testfall für die Berliner Szene, wie sie sich ihre Produktionsverfahren vorstellt, welche ästhetische, aber vor allem (kultur-)politischen Folgerungen daraus zu ziehen wären. Es wäre nach ihrer gestalterischen Teilhabe und Potenz zu fragen, die sich in der Arbeitspraxis niederschlagen sollte. Ist diese innerhalb der Gruppe teilbar, während der Arbeitsphase, aber auch außerhalb mit Zuschauern in sog. Open Calls?

Um die erwartbaren Auseinandersetzungen bewältigen zu können, braucht die Gruppe ein Set an Protokollen, ein Regelwerk, das sich immer wieder ändern kann, je nach Ansprüchen und Notwendigkeiten, die die Gruppe an die eigene Arbeit und dessen Verständnis stellt. Es benötigt Resonanz- und Reflektionsräume, die immer an die Arbeit zurückgebunden sind, sowohl inhaltlich als auch räumlich. Dieser Raum ist nicht allein getragen von ‚Nettigkeit und Zurückhaltung’, sondern ein Raum, der auch Begrenzung anbietet, die nicht als einschränkend, sondern als Bedingung verstanden wird, die in der Selbstermächtigung des Akts, der Aktion woanders hin führt.

Entsprechend werden Protokolle zu finden sein, die sich bewusst machen, dass die Organisation der Zusammenarbeit einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Arbeitsergebnisse und Denkweisen hat. Es wird darum gehen, Responsivität im Sinne einer umfassenden Antwortbereitschaft allen Fragen entgegenhalten zu können, die auftauchen. Es geht weniger darum, Lösungen für Probleme zu finden, als diese Probleme in ihrer Teilbarkeit und Teilhabe in die Ver-Anwortung, Responsibilität aller Anwesenden zu übertragen. Wenn Arbeitsteilung als beste aller Organisationsformen betrachtet wird, bedeutet die jeweilige Aufgabenverteilung nicht automatisch eine hierarchische Gliederung, sondern soll als funktionelle Organisation von Kollaboration verstanden werden.

Wie lässt sich in diesem Aufeinanderprallen künstlerischer Narzissmus vermeiden und an dessen Stelle ein anderes, von Responsivität getragenes arbeitsökonomisches Konzept treten, das definitiv über eine kurzzeitige Sichtbarkeit hinausweist und vielmehr die Frage nach der Kraft der Kooperation fragt? Wo und in welchem Modus entwickeln Berlin-basierte Künstler ihre Ideen und Konzepte in und für die Stadt? Es stellt sich daher die Frage, ob man über eine andere Form von Bewegung als nur jener der Körperbewegung nachdenken muss; ob es nicht um eine Bewegung von Menschen geht, welche ihre politische Kraft und Funktion weiter als eine auffasst, die über den Akt des Antragsstellens, über den Gnadenakt der Alimentierung hinaus geht. Bewegungsaktivierung und keine Ladenvitrine für zeitgenössischen Tanz: würde diese Zusammenarbeit auch das Rezeptionsverständnis von Kunst in Frage stellen können? THE VILLAGE als Funktionsort für Tanz, an dem sich eine Szene in den jeweiligen Arbeitsaufgaben trifft und gleichzeitig diese Szene formt.

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